Rezension

Mein Sommer mit Mémé – Élaine Briag

Ich liebe Familiengeheimnisse und ich liebe Bücher, in denen der Protagonist sich weiterentwickelt, weshalb ich ›Mein Sommer mit Mémé‹ unbedingt lesen musste!

Paula freut sich auf das Treffen mit ihrem Verlobten Jakob, den sie einige Zeit lang nicht mehr gesehen hatte. Sie wollen in Paris ihre Zweisamkeit genießen, doch dann ruft ihre Großmutter – die von allen Mémé genannt wird – an und benötigt ihre Hilfe. Widerwillig und unter Druck ihrer restlichen Familie macht sich Paula auf dem Weg ins Burgund – ohne zu ahnen, dass dieser Sommer sie und ihre Familie verändern wird.

Das ist der Inhalt von diesem Buch und das klingt zunächst recht unspektakulär. Das ist es auch, wenn man Action und sich überschlagende Ereignisse erwartet, denn die gibt es nicht. Die Veränderungen der einzelnen Figuren sind zwar bemerkbar, aber das Großartige daran ist, dass die Beziehungen in der Familie das bewirken. Die Tante kann ihrer Nichte helfen, die Großmutter ihren Enkeln, die Mutter von Paula mischt mit und auch das Hausmädchen vom Château hatte dazu etwa zu sagen. Daraus ergibt sich ein recht interessantes Beziehungsgeflecht, das ich wahnsinnig genossen habe. An einigen Stellen fühlte ich mich auch an meine eigene Familie erinnert und ich denke, dass sich gewisse Typen einfach in jeder Familie finden lassen. Es macht Spaß mit jeder Seite mehr von den einzelnen Schicksalen der Familie zu erfahren und die einzelnen Puzzleteile zusammen zu fügen.

Der Schreibstil von Élaine Briag erinnert mich ein wenig an den von Lori Nelson Spielman, weil sie – ähnlich wie Spielman – in ihre Texte Lebensweisheiten einfließen lässt. Dabei sind sie stets so gut eingearbeitet, dass sie stets passend wirken und nicht erzwungen. Ich habe einige Zitate von Mémé durchaus geglaubt, weil sie ja ein sehr belesener Charakter ist, der gern mit Zitaten jongliert. Aufgrund ihrer engen Beziehung zu Mémé passt es auch zu Paula ziemlich gut und einige Zitate haben mit der Zeit sicherlich auf sie abgefärbt. Ansonsten beschreibt sie die Umgebung auch sehr ausführlich, sodass das Château und das Burgund wirklich lebendig wird. Ich konnte mir beim Lesen alles wirklich gut vorstellen und Élaine Briag hat mit ihrem Schreibstil ein wenig den Sommer in die kalten Tage gebracht. Das war wirklich ein Genuss!

Ich mochte Paula bereits von Anfang an sehr und ich konnte ihren Widerwillen, weshalb sie zunächst nicht ins Burgund reisen wollte, nur allzu gut verstehen. Schließlich war sie bereits mehrere Wochen von ihrem Verlobten getrennt und sie sehnte sich nach ein wenig Zweisamkeit mit Jakob. Außerdem war sie ja Antiquitätenhändlerin und führte ein eigenes Geschäft, sodass es für sie nicht ganz einfach war ganze drei Wochen frei zu räumen. Trotzdem war mir Paula an einigen Stellen etwas zu unsicher. Die Entwicklung, die sie im Verlauf gemacht hat, gefällt mir richtig gut und die „neue“ Paula hatte am Ende auch meine Sympathie.
Mémé stand ich in den ersten Kapiteln noch ziemlich zwiespältig gegenüber: Einerseits mochte ich es, dass sie gerne las und zitierte, andererseits war mir ihre Art etwas zu herrisch. Sie befiehlt (und zwingt ihre Familienmitglieder auch mehr oder weniger dazu) ihren Familienmitgliedern die drei Wochen bis zu ihrem achtzigsten Geburtstag bei ihr im Burgund zu verbringen. Sobald die ganze Mannschaft bei ihr eingetroffen ist, macht sie sofort klar, wer hier das Sagen hat und stellt Regeln auf, die ich anfänglich ziemlich bestimmend (und teilweise auch seltsam) wahrgenommen habe. Wie die anderen Charaktere in diesem Buch macht auch Mémé eine Verwandlung durch, die ich nur befürworten kann. Ich mochte sie dann wirklich gern, weil sie mit ihrer Einstellung und ihrer warmherzigen Art eine wirklich tolle Persönlichkeit war.
Selbiges bezieht sich auf Marcel, denn den mochte ich anfangs auch nicht. Ich fand seine Art ziemlich unangebracht und es wurde schnell klar, dass er lediglich auf das Erbe von Mémé aus war. Dadurch wurde mir bewusst, dass er in finanziellen Schwierigkeiten stecken musste und ich hatte Mitleid mit ihm. Wenngleich ich seine Art trotzdem nicht in Ordnung fand. Er verschloss auch die Augen vor den Problemen in seiner Familie. Wobei ich schon denke, dass er geahnt hat, dass seine Ehefrau Probleme hat. Helene und Meike waren auch Charaktere, die ich sehr mochte. Helene zeigte durch verschiedene Handlungen und Aussagen, dass sie mehr vom Leben will und erwartet. Eigentlich ist das ja recht schön, aber irgendwie auch tragisch. Selbst, wenn man bereits alles hat, um glücklich zu sein, will man einfach mehr. Helene spiegelt das unglaublich gut wider. Meike hat ihren eigenen Kopf und einige ihrer Ideen (Vegetariern zu sein; Drogen zu nehmen..) habe ich im Nachhinein als Hilfeschrei verstanden. Sie wollte auf sich aufmerksam machen, weil ihre Eltern fast nur noch mit sich selbst und ihren eigenen Problemen beschäftigt waren und die Entwicklung, die Meike gemacht hat, war wirklich gut.
Claire – Paulas Mutter – ist ein Charakter, den ich in der ersten Hälfte des Buches absolut nicht wahrgenommen habe. Sie war ständig da, aber sie hat so selten etwas gesagt oder sich gegen ihre Mutter aufgelehnt, dass sie fast unsichtbar wirkte. Mir ist beim Lesen auch zeitweise ihr Name entfallen und ich dachte: „Claire? Wer ist Claire?“ Es hat dementsprechend lange gedauert, bis ich eine Art Verbindung zu ihr aufgebaut habe. Erst durch Meikes Fehler wird sie stärker, als sie eine brenzlige Situation souverän löst und sich auch endlich einmal gegen ihre Mutter auflehnt. Die Veränderungen sind bei allen Charakteren stark wahrnehmbar, aber Claire hat sich wohl am meisten verändert. Sie ist keine stille Beobachterin mehr in ihrer Familie, sondern agiert endlich selbst. Das hat mir unglaublich gut gefallen und ich nahm erst da war, dass sie eine starke Figur ist. Ich würde sagen, dass sie in ihrer Familie die Rolle der Vermittlerin einnimmt.

Die Story ist mit dem zusammengefassten Inhalt eigentlich ziemlich gut abgedeckt, trotzdem gibt es hier noch einige Punkte, die hierbei nennenswert sind. Mémé hat in der Zeit ein Sommerwichteln veranstaltet. In den drei Wochen bis zu ihrem Geburtstag soll jeder Familienmitglied ein Wunsch eines anderen erfüllen. Dabei dürfen es keine materiellen Wünsche sein und die Wichtel sollen geheim gehalten werden. Die Wünsche der Charaktere waren unheimlich interessant und ich fand, dass es eine schöne Idee war.
Weiterhin gab es noch einen Erben, der ein Anrecht auf das Château hat und das Wissen, das er existiert, drückt die Stimmung dort etwas. Aus verschiedenen Gründen lastet es besonders Mémé auf der Seele und Paula steht ihrer Großmutter in diesem Punkt wirklich toll bei. Sie möchte helfen und stößt dabei auf ein Geheimnis von Mémé. Ich fand den Handlungsstrang mit dem Erben wirklich gut durchdacht und er gefiel mir wirklich total gut.
Das Ende passt zu diesem absoluten Wohlfühlbuch ziemlich gut. Jeder bekommt irgendwie sein Happy End und verlässt verändert das Burgund. Mir hat es wirklich gut gefallen, weil man auch einen kleinen Einblick in die Zukunft der Charaktere bekommt und welche Entscheidungen sie – auf der Basis dieser Veränderungen – für sich treffen. Das ist wirklich großartig und ich denke, dass sie nicht annähernd so glücklich geworden wären, wenn sie dem Aufruf von Mémé nie gefolgt wären.

Fazit
Ich gebe dem Buch volle fünf Sterne, weil ich Familiengeheimnisse liebe und auch diese entwickelnden Beziehungen wirklich total gerne auch. Des Weiteren bin ich ein riesiger Fan davon, wenn sich die Charaktere weiterentwickeln und ich bin wirklich froh darüber, dass ich diesen tollen Roman gelesen habe!
Wer diese Art von Geschichten genauso gerne mag wie ich, dann ist derjenige mit ›Mein Sommer mit Mémé‹ wirklich gut beraten.

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