Rezension

Winterglücksmomente – Karen Swan

Jeder, der gerne Bücher liest und rezensiert, kommt irgendwann an ein Buch, das sich nicht so leicht in Worte fassen lässt. Bei mir trifft das auf ›Winterglücksmomente‹ zu. Einerseits hat es mir gut gefallen, weil mich einige Szenen unheimlich berühren konnte. Andererseits war mir die Liebesgeschichte zu unglaubwürdig und der Schreibstil zu hektisch. Es gab noch einige andere Kritikpunkte, die aber nicht allzu stark ins Gewicht fallen.

Aufschluchzend hob sie den Kopf. Ihr Vater hatte bereits die Arme ausgebreitet. Dicke Schneeflocken hingen in seinem Bart, der so weiß war wie der vom Weihnachtsmann. An seinen eingefallenen Wangen und dem müden Ausdruck in seinen Augen erkannte sie, dass auch er den Anruf bekommen hatte und bereits seit Stunden unterwegs war.
Erschöpft, besiegt, trat sie in seine Umarmung. Er strich ihr übers nasse Haar.
»Komm, Knöpfchen, gehen wir nach Hause.«
– (Seite 313)

Karen Swans Schreibstil ist leicht verständlich und ziemlich bildhaft. Durch Vergleiche wie „…in seinem Bart, der so weiß war wie der vom Weihnachtsmann.“ kann man sich das Aussehen und die Gebäude, die Karen Swan beschreibt, unglaublich gut vorstellen. Beim Lesen entstand ein wahres Kopfkino und das hat mir unglaublich gut gefallen. Auch geht die Autorin sehr auf die Gedanken und Gefühle von Nettie ein, sodass man mitfiebern kann. Dadurch war ich von der Geschichte gefesselt. Besonders die gefühlvollen; dramatischen und melancholischen Szenen gelingen Karen Swan ziemlich gut und es sind die Szenen, die mir wirklich am besten gefielen. Doch bei anderen Szenen, die durchaus noch mehr Raum gebraucht hätten, wurden einfach abgearbeitet. Kaum begann die Szene, war sie auch schon wieder zu Ende. Dadurch fühlte ich mich beim Lesen total gehetzt, was wiederum das Lesevergnügen etwas trübte. Insbesondere die intimeren Szenen zwischen Nettie und ihrem Love Interest sind davon betroffen: Kaum haben sie sich zum ersten Mal geküsst, lagen sie sich schon nackt im Bett in den Armen. Die ganze Szene war wirklich so kurz, dass ich überhaupt keine Zeit hatte, mich einzufühlen. Vielleicht war das ein Grund, weshalb die Liebesgeschichte für mich kaum noch Hand und Fuß hatte.

Nettie war mir von Anfang an sehr sympathisch. Obwohl sie eine typische Protagonistin für einen Liebesroman ist, konnte ich mich mit ihr identifizieren: Sie war noch auf der Suche nach sich selbst und seit einigen Jahren steckte sie in ihrem Leben fest. Sie führte einen Job aus, damit Geld in die Kasse kam und nicht, weil sie ihn liebt oder leidenschaftlich dafür brennt. Mit sechsundzwanzig Jahren lebte sie immer noch bei ihrem Vater und auch einen Partner hat sie aktuell nicht. Außerdem ist sie ziemlich tollpatschig und ängstlich. Nettie glaubt nicht an sich selbst und daran, dass sie in ihrem Leben noch viel mehr erreichen könnte. Das alles machte sie mir sympathisch. Trotzdem war sie mir im Bezug auf Jamie zu naiv. Kaum bestellt – er erpresst sie eher – er sie auf sein Konzert und sie tanzt sofort nach seiner Pfeife, obwohl sie an diesem Abend bereits etwas anderes geplant hatte?! Warum glaubt sie überhaupt daran und warum schmeißt sie dann alles über Bord? Ich habe das absolut nicht verstanden. Des Weiteren ist Nettie ziemlich egoistisch und fragt niemals ihre Freunde, ob sie Probleme haben und sie etwas tun könne. Ich fand das ziemlich anstrengend und war froh, dass dadurch auch Konflikte mit ihren Freunden aufkamen.

Jules schaute zu Boden. Hier gab es keine Antworten, kein Pflaster zum Flicken. Sie wandte sich ab und ging schleppend zur Haustür, die sie mit einem leisen Klick hinter sich zuzog. – (S. 318)

Die Freundschaft zwischen Nettie und Jules mochte ich aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten sehr. Während Jules einen Typen nach dem anderen abschleppt, kann Nettie lediglich eine gescheiterte Beziehung aufweisen. Jules brennt leidenschaftlich für ihren Job und Nettie führt ihn lediglich aus, damit sie Geld auf ihr Konto bekommt. Ich mochte Jules auch total gern, weil sie auch eine kleine Optimistin ist und sie sprudelt nur so vor guten Ideen. Auch ist es Jules, die immer für ihre Freundin da ist, was ihre Freundschaft wiederum auch belastet. Nettie fragt nicht einmal danach, nach Jules‘ Problemen – es geht immer nur um Nettie. Es kommt zum Streit zwischen den beiden Damen, was mir unheimlich gut gefallen hat.

Jamie Westlake ist der Love Interest für Nettie und ich war ein Großteil des Buches unheimlich genervt von ihm. Ich mochte es nicht, dass er es so raushängen ließ, dass er eben berühmt ist. Sicher, er hat gewisse Möglichkeiten, aber muss er dann Nettie derartig unter Druck setzen?! „Wenn du nicht kommst, trete ich nicht auf!“ Wie alt ist er? Zwölf oder doch schon sechzehn? Die Hintergrundgeschichte, die er aber mitbringt, machte ihn mir total sympathisch und teilweise konnte ich bei Nettie und ihm richtig mitfiebern. Das Knistern konnte ich deutlich spüren und ich hatte teilweise sogar echt Freude an ihrer Liebesgeschichte. Trotzdem war mir die Geschichte einfach zu unglaubwürdig, weil mir zu viel einfach vom Zufall abhing und es ging mir auch teilweise viel zu schnell. Es gab bei der Liebesgeschichte eine Wendung, die mich wirklich überrascht hat und ich hätte mir gewünscht, dass sie auch an diesem Punkt zu Ende gewesen wäre: Das hätte ich großartig gefunden! Doch ich wurde enttäuscht. Leider.

»Ich will damit bloß sagen, dass Ausziehen nicht bedeutet, vergessen zu müssen.« – (Dan zu Nettie; S. 180)

Die Story beginnt wirklich wie ein typischer Liebesroman, was ich aber nicht schlecht bewerte. Schließlich habe ich das ja auch erwartet. Durch ein Missgeschick wird Nettie unfreiweillig zum Internetstar und verliert dadurch beinahe ihren Job. Doch ihre Freundin Jules hat die rettende Idee: Sie soll ihre Bekanntheit nutzen und in den zwei Wochen bis Weihnachten bekannte Internetmemes nachstellen. Das würde die Kampagne zu ihrem wichtigsten Kunden noch retten. Dabei wird der berühmte Sänger Jamie Westlake auf sie aufmerksam und Netties Leben steht Kopf.
Mir gefiel die Idee unglaublich gut und ich hatte auch unglaublichen Spaß daran Netties Challenges mit zu verfolgen. Trotzdem haben mich die melancholischen Kapitel zu ihrer Familie mehr interessiert. Man weiß sehr lange nicht, was vorgefallen ist, weshalb ihr Leben (und das ihres Vaters) derartig aus den Fugen geraten ist und erst nach und nach setzen sich die Puzzleteile zusammen. Ich hätte am Anfang wirklich nicht gedacht, dass eine derart traurige und tiefgründige Geschichte steckt. Jeder kann Netties Gefühle und Gedanken dazu sicher unglaublich gut nachvollziehen. Die Story kann hier total punkten! Die Liebesgeschichte war mir – wie bereits erwähnt – zu unglaubwürdig und hat mich auch ziemlich oft gelangweilt. Netties Schicksal empfand ich hier als weitaus interessanter.
Das Ende passte zu einem Weihnachtsroman, obwohl es natürlich unfassbar kitschig war. Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorin hier weniger dick aufträgt, denn das war fast schon zu viel des Guten.

Fazit
Alles in allem hat mir ›Winterglücksmomente‹ recht gut gefallen und mein Lesen entsteht auch ein weihnachtliches Feeling, was es wirklich empfehlenswert macht. Wegen der genannten Kritikpunkte (z. T. zu hektischer Erzählstil, unglaubwürdige Liebesgeschichte), kann ich lediglich vier von fünf möglichen Sternen vergeben.

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